Was der Krieg mit sich nahm

 

Der Baumeister erträgt den Krach allmählich nicht mehr. Elektrisch und immer häufiger poltert die Eisenbahn jetzt durch Küsnacht. Was bringt das? Besuch, vielleicht, Gäste, ja! Aber Häuser kaufen tun sie nicht. Der Baumeister hatte grosse Hoffnungen gehabt in die neuen Käufer und Mieter, die doch jetzt scharenweise nach Küsnacht kommen sollten. Hier, wo die Lebensqualität des ländlichen Wohnens am See mit dem Angebot von Arbeit und Konsum der Stadt zusammenschmilzt. Wohl kommen sie auch, sie kommen schon, nur langsam, nicht scharenweise, tröpfeln sie nach Küsnacht, nein, so bringt das nichts. Das gibt keinen Profit. Die vermaledeiten letzten Jahre sind schuld, sie tragen Schuld an allem!

 

Vor dem Krieg, da war alles noch anders gewesen! Niemand hatte hier in der Umgebung mit einem Krieg gerechnet, auch wenn es in Europa schon lange unruhig war. Diese zuversichtliche Einstellung hatte dem Baumeister gepasst. Da war noch ordentlich gekauft, geplant, gebaut worden. Wie die sandgelbe „italienische Villa“, die 1885 für das Seminar gebaut worden war und in der Zeichnen, Musik und Physik unterrichtet wurde und deren Dachterrasse bei den Seminaristen so beliebt war. Das im Jugendstil gebaute Gebäude mit den Bogenfenstern mit ihren braunen Fensterrahmen und Sprossen und der grauen Steinumrahmung im untersten Stockwerk ist ein Zeuge dieses für das Bauen aufgeschlossenen Zeitgeistes.

Doch dann, es war genau sieben Jahre her, kam der Tag, nach dem alles nur noch bergab ging: Der 31. Juli 1914. Um halb fünf Uhr Abends, als das eidgenössische Militärdepartement die Mobilmachung der Armee befahl, als sich jeder Wehrmann zur Einberufung bereitmachen musste und die Gemeinde die Musterung von Pferden und Fahrzeugen vorbereitete, da wurde alles anders. Der Mut ist den Leuten abhanden gekommen! Wegen diesen cheiben letzten Jahren, die alle Leute verunsicherten, die sich an den Frieden, der vor 1914 in der Schweiz so lange bestanden hatte, gewöhnt hatten. Panisch verlangte man eine Bürgerwehr, die Kilbi wurde kurzerhand abgesagt, die Bürger zogen ihre Gelder von der Sparkasse zurück und der Krieg, der wollte nicht mehr aufhören. Der Baumeister geduldete sich. Er versuchte, sich in der Zeit des Krieges anderweitig nützlich zu machen. Schöpfte mit den Leuten vom „Verein alkoholfreie Wirtschaft Küsnacht“ Suppe gegen einen 10-Rappen-Bon als Beitrag gegen die Armut und den Alkoholkonsum aus.

Vier Jahre später, als der Krieg 1918 endlich vorbei war, rieb er sich wieder die Hände. Jetzt würde wieder die Zeit kommen, er könnte wieder bauen. Zu früh gefreut, Burscht! Niemand wollte bauen, denn es herrschte immer noch eine angespannte Stimmung, alle fürchteten sich vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs. Ein Landesstreik wurde ausgerufen, die Bürgerwehr wieder aktiviert, der Gemeinderat hielt ausserordentliche Sitzungen. Und dann brach die Grippe aus. Als wären die potentiellen Käufer nicht schon genug verängstigt und vorsichtig!

 

Im vergangenen Sommer, 1920, schien es dann aber doch, als würde sich alles zum Guten wenden: Küsnacht hatte sich als eine der wenigen Gemeinden in Zürich für den Beitritt zum Völkerbund ausgesprochen. Na seht doch, die Bürger sind ja doch idealgesinnt und fortschrittsgläubig! Daher fährt die Eisenbahn seit einiger Zeit auch viel häufiger. Aber schneller nicht. Immer noch dasselbe Schneckentempo wie eh und je. Der Baumeister spuckt verächtlich auf die Geleise. Und kaufen will keiner.

 

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in der Gemeinde Küsnacht