Boller-Haus (Novelle Teil 1)

An die grosse Haustür der Liegenschaft Reichling im unteren Dorfteil von Küsnacht, einem Häuserkomplex, der gerade neben dem wohlbekannten Hotel Sonne stand, klopfte am regnerischen Morgen des 3. Juni 1878 ein zehnjähriger Junge. Es war der aufgeweckte Eduard, der seine Grossmutter besuchen wollte. Eduard beobachtete den wolkenbruchartigen Regen, denn schon seit dem Vortag schüttete es unaufhörlich, und in vielen Gebieten des Kantons sprach man von einem Hochwasser, wie man es noch kaum je erlebt hatte. Als die Grossmutter Eduard die Tür öffnete und ihn in die Wärme bat, teilte er ihr mit, dass in der Stadt Zürich ein Wildbach verheerende Schäden angerichtet habe und der Wasserstand des Zürichsees so hoch sei, dass die Dampfschiffe nicht mehr bei der Wasserkirche in Zürich anlegen konnten. Der Junge erzählte seiner Grossmutter nicht ohne gewissen Stolz, dass er selbst seinem Vater und vielen anderen Männern aus Küsnacht dabei geholfen habe, den unheimlich angeschwollenen Dorfbach in Schranken zu halten. Als der Junge seiner Grossmutter berichtete, wie ihn sein Vater dann weggeschickt habe, weil hohe Fluten und das ganze Geröll, die Baumstämme und Felsbrocken, die der Bach mit sich schleppte, zu gefährlich seien für einen schmächtigen Jungen, wurde das Gesicht der älteren Frau totenblass. Mit einer dem Enkel unbekannten Entschlossenheit in ihrem Blick schob sie ihn wieder aus der Tür in den strömenden Regen, und zeigte mit dem Finger auf die nahegelegene Seestrassenbrücke, die sehr niedrig war. Die Grossmutter erklärte ihrem Enkel, dass es nur irgendein grösseres mitgeschwemmtes Stück Holz brauche, das hängenbliebe, und ganz Küsnacht würde überschwemmt werden. Die bedachtsame Grossmutter befürchtete, dass der Dorfbach sich dann vor der Liegenschaft Reichling einen metertiefen Graben bahnen würde und ein Teil der Liegenschaft zum Einsturz käme. Mit dem jungen Bub an der Hand hastete sie nun ins Hotel Sonne, wo sie wie viele andere in den oberen Stockwerken des Hotels in der Notunterkunft weilten.

 

Eduard sicherte sich flink einen Platz am Fenster und beobachtete mit einer Ergriffenheit, wie gerade in diesem Moment ein grosser, dunkler Holzsteg, der vom Bach mitgerissen worden war, an der Seestrassenbrücke hängen blieb. Der Bach staute sich auf, schnellte dorfaufwärts, und die Fluten traten auf beiden Seiten des Bachbettes über die Ufer. Küsnacht wurde von Schutt, Schlamm und Steinen überdeckt und das Wasser strömte in die Keller der Häuser. Die Sturmglocken läuteten, das Rebland in der Ebene von Küsnacht wurde derart von Schutt überdeckt, dass nichts mehr zu erkennen war, sogar vom Hotel Sonne waren Keller und Erdgeschoss überflutet, Gartenmauern wurden durchbrochen und Pferde- und Schweineställe standen tief unter Wasser. Der Junge nahm all dies mit klopfendem Herzen vom Fenster aus wahr, doch als er Zeuge davon wurde, wie ein Teil des ihm vertrauten Hauses der Grossmutter in sich zusammenbrach, traten dem tapferen und mutigen Jungen die Tränen auf die Wangen.

 

Da nahm ihn die Grossmutter liebevoll auf ihren Schoss und erzählte ihm, dass Küsnacht vor genau hundert Jahren schon einmal ein Hochwasser erlebt habe. Damals, flüsterte die Frau ihrem Enkel ins Ohr, sei sie noch lange nicht geboren gewesen, aber ihre eigene Grossmutter sei zu dieser Zeit ein junges Mädchen gewesen, ungefähr in dem Alter, in welchem ihr Enkel jetzt sei. Eduard wurde von der sanften Stimme der Grossmutter ganz ruhig und lauschte gespannt ihrer Geschichte:

 

„Es war in den frühen Morgenstunden des 8. Heumonats 1778, als ein junges Mädchen in unserem Dorfe Küsnacht nach dem Kirchturm sah und verwundert feststellte, dass dieser von einem dichten Nebel beinahe vollends verdeckt war. Das Mädchen hiess Susanna und war die Tochter des Geschworenen Boller, dessen Familie in dem grossen, blassrosafarbenen Haus mit den dunkelgrünen Fensterläden lebte. Sie runzelte über diese Merkwürdigkeit allerdings nur kurz die Stirn, und hatte dann bald andere Gedanken im Kopf, die die junge Susanna den morgendlichen Nebel, der so gar nicht zu den vergangenen schwülen Julitagen passte, vergessen liess.

 

Auch der Geschworene Boller, ihr Vater, war, als er den Nebel gewahrte, überzeugt davon, dass dies lediglich eine Laune Gottes sei und so ging die Familie sorglos an ihr Tagwerk. Erst als sich gegen sechs Uhr abends der Himmel zu verfinstern begann, kehrten alle Familienmitglieder ins Haus zurück. Susanna, die sich vor dem Regen ängstigte, verkroch sich in ihr Zimmer, worauf der Vater ihr belustigt hinterherrief, sie sei ein Angsthase, sich bei einem gewöhnlichen Sommerregen so zu fürchten. Als eine Stunde später ein fürchterliches Gewitter einsetzte, sah Susanna aus ihrem Zimmerfenster zum Kirchturm, der kurz auf unheimliche Weise von Blitzen beleuchtet wurde, betete zu Gott und fragte sich, für welche Sünde der Herr sie mit solch einem Unwetter bestrafen wolle. Susanna wurde Zeugin davon, wie sich der Himmel verfinsterte, wie tiefschwarze Wolken gegeneinander stiessen und es unermüdlich Wasser in Strömen herab regnete. Ihr war, als wollten ganze Wasserfluten vom Himmel auf die Erde herabstürzen und ein angsterfüllter Schrei entwich ihr. Draussen hörte sie jetzt, wie die Tiere unruhig auf-und abliefen und alle denkbaren Laute von sich gaben. Auf einmal vernahm Susanna laute Männerstimmen, die gegen den Lärm des Unwetters anzukämpfen versuchten. Es waren die warnenden Stimmen der Männer, die eilends vom Tobeleingang im oberen Teil des Dorfes zurückkehrten, wo vor wenigen Wochen eine neue steinerne Brücke gebaut worden war.

Kommen Sie, wir wollen uns ansehen, wo diese Brücke stand!

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